Binnenschifffahrt dümpelt vor sich hin

Der Anteil des Güterverkehrs auf dem Wasser sinkt / Engpässe gibt es auch in Berlin

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Foto: Henning Kaiser/dpa
Nicht viel mehr als acht Prozent des Güterverkehrs wird hierzulande auf dem Wasser transportiert, obwohl das Schiff oft günstiger und sauberer ist als der Lkw.

Berlin – Seit Jahren wollen Verkehrspolitiker den Güterverkehr von der Straße auf andere Verkehrsträger verlagern, vor allem auf die Schiene und auf ’s Wasser. Doch die Binnenschifffahrt wird vernachlässigt. Auch aus Unkenntnis und Argwohn. Dabei ist der Transport mit dem Schiff kostengünstig und umweltverträglich. Ein Schiff mit 1000 Tonnen Tragfähigkeit kann etwa so viel transportieren wie 40 Lastkraftwagen oder ein Güterzug. Im vergangenen Jahr umfasste der Güterumschlag der Binnenschifffahrt in Berlin 3593 und in Brandenburg 4171 Tonnen. Der Westhafen ist das wichtigste Logistikzentrum innerhalb Berlins und stellt wegen seiner zentralen Lage auch einen besonderen Standortvorteil für die Berliner Wirtschaft dar. Der Hafen ist trimodal ausgerichtet, das bedeutet den Transport von Gütern mit verschiedenen Verkehrsträgern. Die Lage am Rand der Innenstadt macht ihn zu einem idealen Ausgangsort für die Verteilung von Gütern innerhalb Berlins.

Im Bundesverkehrswegeplan 2030 sieht Verkehrsminister Alexander Dobrindt an Investitionsmitteln für die Straße einen Anteil von 49,3 Prozent vor; auf die Schiene entfallen 41,6 Prozent und auf die Wasserstraße lediglich 9,1 Prozent. Für Aus- und Neubauprojekte ist der Anteil der Straße mit 53,6 Prozent sogar noch höher. Beim Transportaufkommen betrug der Anteil der Binnenschifffahrt 2015 8,3 Prozent, für das laufende Jahr werden 8,2 Prozent prognostiziert. Gemessen wird der Anteil anhand der gesamten Transportleistung, die vom Schienen- und Straßengüterverkehr sowie von Binnenschiffen und Rohrfernleitungen erbracht werden.

Auf den deutschen Flüssen und Kanälen werden also immer weniger Güter transportiert. Die Fracht der Binnenschiffer im ersten Halbjahr 2016 ging gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 2,4 Prozent auf 113,6 Millionen Tonnen zurück, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag berichtete. Nur der Wareneinlauf aus dem Ausland war mit einem Zuwachs von 2,0 Prozent positiv.

In Berlin sind Brücken zu niedrig und Schleusen zu klein.

Und auch auf der Berliner Landesebene fristet der Wasserverkehr eher ein Schattendasein. „Eine Berliner Infrastruktur- und Verkehrspolitik ist nicht vorhanden. Ein Interesse am Wasser in Berlin ist gleich null“, sagt Professor Horst Linde von der TU Berlin. Ein Problem Berlins: Das Ungleichgewicht der Güterströme. Die Industrie in der Hauptstadt produziert zwar langsam mehr, aber immer noch zu wenig eigene Güter. Etwa 100 beladene Container pro Tag kommen in Berlins Häfen an – und gehen dann größtenteils leer zurück. Das ist schlecht für die Kosteneffizienz der Verkehrsträger, vor allem natürlich der Containerschiffe.

Aber auch die Brücken- und Schleusensituation ist schlecht. Die Brücken sind zu niedrig und marode, die Schleusen zu klein. Die Schleuse in Klein-Machnow etwa stellt das Verbindungselement zum Teltowkanal dar und damit zu dem größten und wichtigsten Brandenburger Binnenhafen in Königs Wusterhausen. Der Weg nach Osten über den Oder-Havel-Kanal führt über die Schleuse Fürstenwalde, die noch kleiner ist. „Die Investitionssummen, um die Schleusen auszubauen, wären Peanuts für die Politik, aber der Wille fehlt“, meint TU-Professor Linde.

Neben der Berliner Wissenschaft ermahnen auch Wirtschaftsvertreter die Politik, die Binnenschifffahrt nicht zu vernachlässigen. „Für die wirtschaftliche Entwicklung der Hauptstadtregion ist die Erreichbarkeit per Binnenschiff auch in Zukunft entscheidend. Die leistungsfähigsten Gasturbinen der Welt und andere High-Tech-Produkte könnten nicht in Berlin hergestellt werden, würden sie nicht auf dem Wasser transportiert“, erklärt der stellvertretende IHK-Hauptgeschäftsführer Christian Wiesenhütter. Die gute Marktposition dieser High-Tech-Unternehmen hängt also auch von der Leistungsfähigkeit der Wasserstraßen ab.

Auch der Tourismus ist eng mit dem Güterverkehr auf dem Wasser verknüpft. Eine stetig zunehmende Zahl von Berlinbesuchern, die auf eigenem Kiel die Stadt erleben wollen, belegt den Stellenwert dieser Tourismussparte. Wassertouristen kennen keine Landesgrenzen. Eine länderübergreifende Angebots- und Infrastruktur für Berlin-Brandenburg ist also extrem wichtig. Die erhebliche Zunahme der Schleusungen sowohl für Sportboote als auch für Fahrgastschiffe belegt die Attraktivität Berlins als Reiseziel. Hier sitzen Tourismus und Güterverkehr in einem Boot.

Es besteht also dringender Handlungsbedarf sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene. Ob Andreas Geisel (SPD), der zuletzt auch Kritik aus der eigenen Partei bekam, weiterhin Bausenator bleibt, ist noch unklar. Ein neuer Senator beziehungsweise eine neue Senatorin könnte der Binnenschifffahrt dringend benötigte neue Impulse geben. Allerdings auch nur in Berlin.

Lara Keilbart, Der Tagesspiegel, 12.10.16

 

 

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